Sonntag, November 05, 2006

Frankreich und die Medien

Drei Kugeln und ein totes Kind
"Die Justiz deckt die antisemitischen Lügen eines öffentlichen
Senders." Der französische Journalist Philippe Karsenty zog gewaltig
vom Leder, als er Ende voriger Woche an die Öffentlichkeit ging.
Soeben hatte er in Paris einen Prozess gegen "France 2" verloren. 1000
Euro soll Karsenty wegen Verleumdung an den TV-Sender zahlen.
Karsentys harte Reaktion ist ein Indiz dafür, wie grundsätzlich der
Rechtsstreit war - ging es doch um das empfindlichste Gut freier
Medien: die Wahrheit. Und darum, wer sie zu welchem Zweck manipuliert.

Karsenty betreibt eine Internetseite, auf der er Medienberichte
hinterfragt. Der Fall, der ihn vor Gericht brachte, ist spektakulär.
Am 30. September 2000 wurde der palästinensische Junge Mohammed
Al-Dura während heftiger Schießereien zwischen palästinensischen
Terroristen und israelischen Soldaten rund um eine Straßenkreuzung in
den von Israel besetzten Gebieten getötet. Die Bilder gingen um die
Welt: Ein Zwölfjähriger, der hinter einem Betonfass kauernd, in den
Armen seines Vaters stirbt. Verbreitet wurden die Bilder durch den
Nahost-Korrespondenten von "France 2", Charles Enderlin, aufgenommen
hatte sie der palästinensische Kameramann Talal Abu Rahma. Etwa eine
Minute Material flimmerte wegen des Sensationsgehalts und aus
Zeitdruck ungeprüft über die Bildschirme. Enderlin bildete mit seinem
Kommentar die Weltmeinung: Israels Armee hat ein Kind kaltblütig
ermordet.

Damit war die Geschichte für "France 2" erledigt. Nicht aber für die
Armee. Sie ordnete eine umfassende Untersuchung an. Die
ARD-Dokumentation "Drei Kugeln und ein totes Kind" ging der Geschichte
im März 2002 ausführlich nach. Ergebnis: Mohammed Al-Dura wurde mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht von israelischen
Soldaten getroffen. Munition, Schusswinkel und die Erkenntnisse des
Pathologen, der den Jungen untersucht hatte, legten nahe, dass Al-Dura
Opfer palästinensischer Heckenschützen wurde. Ob absichtlich oder aus
Versehen, ließ sich nie ermitteln. Der "Märtyrer" Al-Dura wurde da
längst im palästinensischen Fernsehen benutzt, um Jugendlichen den
Heldentod schmackhaft zu machen.

2003 kam der französische Historiker Richard Landes zu dem Schluss,
die Szenen seien gestellt worden. Karsenty verknüpfte dies mit der
Behauptung, bei "France 2" werde gefälscht. Ein Vorwurf, den selbst
die Staatsanwaltschaft im Pariser Prozess für vertretbar hielt. Sie
plädierte auf Freispruch - nicht so das Gericht.

Doch der Fall Al-Dura ist damit nicht beendet. Er bleibt ein
Negativbeispiel für die Arbeit von Medien in kriegerischen Konflikten.

(Medienkolumne im Kölner Stadt-Anzeiger, Seite 4, 25.10.06)

Zitiert nach einem Eintrag von achgut.de

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