Sonntag, November 05, 2006

Mohammedkarrikaturen

Weil ich diesen Text ja doch öfter brauche und mir die Suche erleichtern möchte: die dänische Zusammenfassung des Mohammedkarrikaturenstreits in deutscher Übersetzung aus der Züricher Weltwoche. Gefunden einmal wieder bei der Achse des Guten.

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Henryk M. Broder 02.06.2006 22:35

Mohammed und die Karikaturen - Die ganze Geschichte
In der aktuellen WELTWOCHE prokollieren John Hansen und Kim Hundevadt,
Redakteure der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten, jene Affäre,
die anderthalb Milliarden Moslems in Wallung brachte. Ihr Buch ist
Mitte Mai auf Dänisch erschienen, eine englische Übersetzung ist für
den Herbst geplant.
Hier der Auszug aus der WeWo:

Die Wahrheit unterm Strich
John Hansen und Kim Hundevadt

Die dänischen Mohammed-Karikaturen wären im Altpapier verschwunden,
hätten Imame sie nicht als willkommenes Aufhetzmittel für Muslime
benutzt. Zwei Journalisten der seitdem weltbekannten Jyllands-Posten
über die Inszenierung einer Empörung.

Ein Sommerabend im Juni 2005. Der dänische Kinderbuchautor Kåre
Bluitgen ist im Kopenhagener Trend-Vorort Frederiksberg zu einer Party
mit alten Freunden aus der linken Szene eingeladen. Hier trifft
Bluitgen einen Journalisten der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau.
Bluitgen erzählt ihm bei einem Bier, dass er dabei sei, ein Kinderbuch
über den Propheten Mohammed zu schreiben. Allerdings habe er Probleme,
einen Zeichner zu finden, der es illustrieren wolle. Drei Zeichner
hätten aus Angst vor gewalttätigen islamistischen Repressalien
abgesagt.

Der Agenturjournalist wittert eine gute Geschichte. Einige Zeit später
ruft er den Kinderbuchautor an, der inzwischen einen Zeichner gefunden
hat. Dieser besteht allerdings darauf, im Hinblick auf seine eigene
Sicherheit anonym zu bleiben. Später wird der Zeichner in einem
Interview sagen: «Mir ist klar, dass es schwachsinnig ist, sich solch
einem Fanatismus zu beugen, aber ich befürchte, dass man mir auf der
Strasse auflauert und mir einen Schlag verpasst – oder etwas
Schlimmeres.»

Die Sprengstofflieferung


Drei Monate nach der Sommerparty in Frederiksberg lanciert der
Agenturjournalist seine Geschichte. Am Freitag, den 16. September, um
vier Uhr schickt die Agentur Ritzau folgende Meldung an die dänischen
Redaktionen: «Dänische Künstler haben Angst vor Kritik am Islam.» Die
Angst der Zeichner wird unter anderem in einen Zusammenhang mit der
Ermordung des niederländischen Filmregisseurs Theo van Gogh gestellt.
Ebenso mit einem gewalttätigen Überfall auf einen Dozenten der
Universität Kopenhagen, der vor seinen Studenten laut aus dem Koran
vorgelesen hatte.

Der Artikel löst in den dänischen Medien eine intensive Debatte über
Selbstzensur und Berührungsangst mit dem Islam aus. Der Vorsitzende
des Schriftstellerverbands warnt laut vor einer Beschränkung der
Meinungsfreiheit, und eine christliche Zeitung fordert die Zeichner in
einem Leitartikel auf, Zivilcourage zu zeigen: «Zeichnet los!»

Die Diskussion ist auch bei einer Redaktionssitzung der Morgenavisen
Jyllands-Posten, der grössten Zeitung Dänemarks, zentrales Thema. Am
16. September erörtern die Redaktoren, wie sie die Debatte im Blatt
aufgreifen könnten. Einer der Journalisten fragt: «Wie wäre es, wenn
wir sämtliche Mitglieder des Karikaturistenverbands anschrieben und
fragten, ob sie Mohammed zeichnen?» Einige Kollegen sind der Ansicht,
dass die Idee ein origineller Weg sei, um herauszufinden, ob es
Probleme mit der Selbstzensur gebe oder nicht. Andere meinen, dass
dies religiöse Gefühle dänischer Muslime unnötig verletzen würde.

Am selben Tag wird die Idee einem der Chefredaktoren von
Jyllands-Posten und dem Ressortleiter Kultur, Flemming Rose,
unterbreitet. Er schreibt an die etwa vierzig Mitglieder des Vereins
der Zeitungskarikaturisten, bezieht sich auf die durch die
Agenturmeldung entfachte Debatte und erklärt: «Morgenavisen
Jyllands-Posten steht auf der Seite der Meinungsfreiheit. Wir möchten
dich deshalb gern einladen, Mohammed so zu zeichnen, wie du ihn
siehst.»

Zwölf Karikaturisten gehen auf die Aufforderung ein. Ihre Zeichnungen
fallen, wie es in der Natur der Sache liegt, sehr verschieden aus.
Einige gehen satirisch auf Kinderbuchautor Kåre Bluitgen ein, den sie
verdächtigten, die Angelegenheit als PR-Trick für sein Werk inszeniert
zu haben. Einer zeichnet den Propheten gar nicht erst, sondern lässt
einen kleinen Jungen namens Mohammed auf eine Tafel schreiben: «Die
leitenden Redaktoren von Jyllands-Posten sind ein Haufen reaktionärer
Provokateure.»

Einer der eigenen Karikaturisten von Jyllands-Posten, Kurt
Westergaard, ist überzeugt, dass die fundamentalistische Version des
Islam den Selbstmordattentätern, die sich im Namen Mohammeds in die
Luft sprengen, den geistigen Brennstoff liefert. Er war in den 1940er
Jahren in einer fundamentalistisch-christlichen Gesellschaft
aufgewachsen. Wiederholt hatte er Jesus-Karikaturen in Jyllands-Posten
veröffentlicht, die bei gläubigen Christen zornige Reaktionen
ausgelöst hatten. Westergaard zeichnet den Propheten mit einer Bombe
im Turban. Nach seinem Verständnis richte sich die Karikatur nicht
gegen den Islam im Allgemeinen. Sie ziele allein auf die islamischen
Extremisten, die ihre Religion für Terroranschläge missbrauchten.

In den nächsten Tagen erfahren die leitenden Redaktoren der Zeitung
von mehreren Fällen von Selbstzensur im kulturellen Leben: Das
Kunstmuseum Tate Britain in London entfernte ein Werk des Künstlers
John Latham aus Angst vor muslimischen Reaktionen. Ein Museum im
schwedischen Göteborg hatte sich ebenso verhalten. Die Übersetzer
eines Buchs der niederländisch-somalischen Islamkritikerin Ayaan Hirsi
Ali bestanden darauf, anonym zu bleiben. Und ein bekannter dänischer
Komiker gab in einem Interview zu Protokoll, dass er Angst davor habe,
mit einer Satire über den Islam aufzutreten.

Die Redaktoren nehmen auch eine Forderung eines dänischen Imam zur
Kenntnis: Mahmud Fouad al-Barazi, der der Muslimischen Bruderschaft –
der grössten islamistischen Bewegung im Nahen Osten – nahe steht,
verlangte vom dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen,
dieser solle sicherstellen, dass die Presse religiöse Themen nicht auf
negative Weise aufgreife. Dies alles trägt dazu bei, das
Karikaturenprojekt der Zeitung zu festigen.

Demokratischer Elektroschock


Besonders überzeugt von der Aktion ist Kulturchef Flemming Rose, der
seit seiner Zeit als Korrespondent im kommunistischen Moskau einen
starken Widerwillen gegen Einschränkungen des freien Worts hegt.
Chefredaktor Carsten Juste ist weniger engagiert, will sich aber nicht
widersetzen, da er die Karikaturen harmlos findet – ganz in der
Tradition der dänischen Satire.

Die Zeichnungen werden am 30. September 2005 im Kulturteil von
Jyllands-Posten gedruckt, begleitet von einem Artikel Flemming Roses,
worin er den Hintergrund für die Aktion erläutert: «Einige Muslime
lehnen die moderne, säkularisierte Gesellschaft ab. Sie beanspruchen
eine Sonderbehandlung, wenn sie auf eine spezielle Rücksichtnahme auf
eigene religiöse Gefühle bestehen. Das ist unvereinbar mit einer
westlichen Demokratie und der Meinungsfreiheit, angesichts deren man
sich damit abfinden muss, zur Zielscheibe von Hohn und Spott zu werden
oder sich lächerlich machen zu lassen. Das ist zwar längst nicht immer
sympathisch und leicht zu ertragen, und das bedeutet nicht, dass
religiöse Gefühle um jeden Preis lächerlich gemacht werden sollen,
aber die Möglichkeit [einer satirischen Kritik] gehört doch in diesen
Kontext.»

Die Erwartungen in der Redaktion von Jyllands-Posten sind
unterschiedlich. Einige rechnen mit einer gewaltigen Debatte; sie
sehen den Abdruck der Karikaturen als «demokratische
Elektroschock-Behandlung» für Islamisten in Dänemark. Chefredaktor
Carsten Juste und andere glauben hingegen nicht, dass daraus eine
grosse Sache werden würde.

Die unmittelbare Reaktion erweist sich als beherrscht. Jenseits der
Scheinwerfer der Medienwelt beginnt jedoch eine hitzige Diskussion im
muslimischen Milieu Dänemarks. Die wenigsten haben die Zeitung zu
Gesicht bekommen, und mehrere führende Muslime glauben nicht, dass es
der Mühe wert sei zu protestieren – entweder weil ihnen die
Karikaturen egal sind oder weil sie befürchten, dass gewalttätige
Proteste dazu beitragen würden, die dänischen Muslime in ein schiefes
Licht zu rücken. Der bekannteste Imam Dänemarks, der Palästinenser
Ahmed Abu Laban, der über Verbindungen zur Muslimbruderschaft verfügt,
erklärt in mehreren vertraulichen Gesprächen, dass er bereit sei,
beide Augen zuzudrücken.

Einige Imame meinen dagegen, die Verletzung sei so schwerwiegend, dass
man ein Exempel statuieren müsse. Zugleich kritisieren sie diejenigen
Muslime scharf, die mit ihnen uneins sind. Ihr Vorwurf: Illoyalität
und Verwehrung der Verteidigung des Propheten.

Die eifrigsten Vorkämpfer für einen Protest der dänischen Muslime
haben Verbindungen zu einer Moschee in Århus, die von der
fundamentalistischen Organisation Gleichheit und Brüderlichkeit
betrieben wird und früher wegen ihrer Kontakte zu Extremisten in die
Schlagzeilen geriet – unter anderem zu einem dänischen
Guantánamo-Häftling, Slimane Hadj Abderrahmane, und zum Syrer Abu
Rached al-Halaabi, den die spanische Polizei mit den Anschlägen von
Madrid 2004 in Verbindung bringt.

In der Moschee von Århus versammeln sich fünf Imame, unter ihnen Raed
Hlayhel, um ihren Zorn zu teilen und einen Schlachtplan zu entwerfen.
Jyllands-Posten ist ihnen seit langem ein Dorn im Auge, da die Zeitung
verschiedentlich kritisch über ihre Aktivitäten berichtet hatte. Das
Blatt hatte unter anderem ein Freitagsgebet wiedergegeben, in dem Raed
Hlayhel – ein an der Universität in der saudi-arabischen Stadt Medina
in den Scharia-Gesetzen ausgebildeter Palästinenser – forderte, Frauen
müssten von Kopf bis Fuss bedeckt sein, auch wenn sie mit anderen
Frauen zusammen seien. Auch die Formulierung, «dass Frauen ein
Instrument des Satans gegen Männer» sein könnten, war in dem Gebet
vorgekommen.

Zur Ehrenrettung des Propheten


Raed Hlayhel gewinnt den internen Machtkampf um die Strategie. Es
gelingt ihm, zwei Tage nachdem die Karikaturen gedruckt worden sind,
rund zehn islamische Organisationen zu einer Dringlichkeitssitzung in
Kopenhagen zu versammeln. Hier wird er zum Vorsitzenden eines Komitees
gewählt, das die Ehre des Propheten verteidigen soll. Die Teilnehmer
des Treffens einigen sich auf eine Strategie mit insgesamt 19 Punkten.
Zu den wichtigsten zählt: Die Imame und ihre Anhänger wollen die
dänische Regierung verklagen. Sie beabsichtigen auch, die Botschafter
der muslimischen Länder in Dänemark einzuschalten, an islamische
Gelehrte in der ganzen Welt zu schreiben, die einflussreiche
Al-Azhar-Universität in Kairo ebenso wie religiöse Führer in Mekka zu
kontaktieren. Auch geht es darum, die bedeutsamsten Medien im Nahen
Osten, darunter den Satellitensender Al-Dschasira, dazu zu bewegen,
über die berüchtigten Zeichnungen zu berichten. Zugleich wollen sie
Jyllands-Posten mit Beschwerden per SMS, E-Mail und Telefon
bombardieren, Unterschriften in Moscheen sammeln, eine grosse
Demonstration in Kopenhagen organisieren und die Möglichkeiten prüfen,
auch gegen die Zeitung einen Prozess zu führen. Sie sprechen ausserdem
davon, die islamische Welt zu einem Boykott gegen dänische Waren zu
bewegen.

Während die Imame ans Werk gehen, treffen bei Jyllands-Posten
Morddrohungen ein. Die erste stammt von einem 17-jährigen Muslim, der
bei der Zeitung anruft und behauptet, er habe Namen und Adressen
sämtlicher Karikaturisten. Er droht, der erste von ihnen werde
innerhalb von 14 Tagen sterben. Zwei Tage später wird der Mann
verhaftet. Eine Woche darauf kommt es zu Morddrohungen gegen zwei
namentlich bekannte Zeichner, die auf Aufforderung der Polizei
untertauchen.

In den ersten zwei Wochen nach der Publikation der Karikaturen wird
der Fall von den dänischen Medien jedoch weitgehend ignoriert. Den
grossen Durchbruch bringt eine Demonstration auf dem Rathausplatz von
Kopenhagen, bei der sich nach dem Freitagsgebet am 14. Oktober etwa
3000 Teilnehmer versammeln. Sie zeigt, dass es den Imamen nun gelungen
ist, Muslime für einen breiten Protest zu mobilisieren. Die Imame, die
anfänglich zögerten, sehen sich gezwungen, sich der Kampagne
anzuschliessen, um ihre Machtposition nicht zu gefährden. Nicht wenige
Muslime erklären in Interviews, sie fühlten sich von den Karikaturen
nicht sonderlich gekränkt – hätten jedoch den Eindruck, ihre Religion
und ihre Kultur würden in Dänemark generell nicht respektiert und bei
den Zeichnungen handle es sich um eine symbolische Angelegenheit, die
sie einen könne.

Als die Imame am 24. Oktober in einer E-Mail an die Aktivisten der
Kampagne eine Zwischenbilanz ziehen, können sie feststellen, dass ihre
19 Punkte im Grossen und Ganzen verwirklicht worden sind. Vor allem
der Druck der Imame auf die Botschafter islamischer Staaten, gegen
«das schreckliche Ereignis» einzuschreiten, wurde ein Erfolg. Die
ägyptische Botschafterin Mona Omar Attia schenkt ihnen besonders
Gehör. Sie ergreift die Initiative zu einem Brief an Ministerpräsident
Anders Fogh Rasmussen, in dem die Botschafter sich über eine
«Schmutzkampagne» gegen den Islam und Muslime in Dänemark beklagen.

Sie bitten die Regierung, «mit den Verantwortlichen im Hinblick auf
die Gesetze des Landes ins Gericht zu gehen» und die «notwendigen
Schritte» zu unternehmen, um eine Schmähung des Islam zu verhindern.
Zugleich ersuchen sie wegen des «empfindlichen Charakters» der
Angelegenheit um ein Dringlichkeitstreffen. Ministerpräsident Anders
Fogh Rasmussen legt in seiner Antwort die Prinzipien dar, die der
Meinungsfreiheit und den Blasphemiegesetzen in Dänemark zugrunde
liegen. Er nimmt jedoch nicht zur Bitte der Botschafter um ein Treffen
Stellung, da er der Ansicht ist, ihre Forderung, er solle gegenüber
der Presse eingreifen, stelle eine falsche Grundlage für eine
Diskussion dar.

Ein pädophiler Teufel


Rasmussens liberale Einstellung ruft bei den Botschaftern und ihren
Regierungen in der islamischen Welt grosse Verbitterung hervor. Später
sollte sich der dänische Ministerpräsident der Kritik ausgesetzt
sehen, er hätte die Eskalation des Konflikts vielleicht verhindern
können, wenn er den Protesten mehr Gehör geschenkt hätte. Andere
werden Rasmussen loben, nicht vor dem Druck «totalitärer Regime» im
Nahen Osten in die Knie gegangen zu sein.

Vor allem Ägypten reagiert scharf auf seine Antwort. Die Ägypter sind
seit einiger Zeit irritiert über die Rolle Dänemarks. Sie sind der
Ansicht, der Ministerpräsident habe seine Rolle als enger Alliierter
der USA überstrapaziert. Ebenfalls missfallen hat Kairo, dass
Rasmussen bei einem Besuch im Frühjahr 2005 darauf bestand, sich mit
der ägyptischen Opposition zu treffen.

Die ägyptische Regierung hat noch ein weiteres Motiv für eine harte
Position gegenüber Dänemark: Sie befindet sich mitten im Wahlkampf und
steht unter starkem Druck der Islamisten in der Muslimbruderschaft.
Sie hat ein dringendes Bedürfnis, sich mit religiösen Standpunkten zu
profilieren. Mit Unterstützung der staatlich kontrollierten Medien
gelingt es im November und Dezember, die Angriffe durch die dänische
Zeitung zu einer Angelegenheit des ganzen Volks zu machen und von der
Regierung ein Bild als Wächter des Islam zu zeichnen.

Ägyptens Aussenminister Ahmad Aboul Gheit versucht zugleich mit aller
Macht, den Fall in der internationalen Gemeinschaft zur Sprache zu
bringen. Mit grossem Erfolg bringt er sowohl die Vereinten Nationen
als auch die Arabische Liga und die islamische Weltorganisation, die
Organization of the Islamic Conference (OIC), dazu, sich
einzuschalten. «Es ist das Ziel, so eine Entschuldigung zu erreichen,
einen Stopp derartiger Handlungen und eine Entwicklung in Gang zu
setzen, dass Europa seine Einstellung zu solchen Themen ändert», sagt
Gheit am 15. November der Nachrichtenagentur Reuters.

Die OIC und die Arabische Liga haben ein klares Ziel: Über Jahre
hatten die beiden Organisationen auf ein internationales Verbot gegen
«Kränkung» von Religion im Allgemeinen und dem Islam im Besonderen
hingearbeitet – unter anderem durch Uno-Resolutionen, denen sich die
EU-Staaten widersetzten, weil sie glauben, dass dies die
Meinungsfreiheit einschränke.

Die Version der Meinungsfreiheit, die die Mitgliedsländer der OIC
verwirklicht haben wollen, geht aus der Kairo-Deklaration über
Menschenrechte hervor, die 1990 verabschiedet worden ist: «Alle haben
das Recht, ihre Meinung frei auf eine Weise auszudrücken, die der
Scharia nicht zuwiderläuft.» Es ist also das Ziel, dass islamische
Gesetze auch die Grenzen der westlichen Meinungsfreiheit definieren
sollen. Aus Sicht der OIC könnte eine gewaltige Protestwelle dazu
benutzt werden, Druck auf die EU-Staaten auszuüben, um sie dazu zu
bewegen, eine Resolution und eine Verschärfung der europäischen
Blasphemiegesetze zu akzeptieren.

Im Herbst 2005 geht die ägyptische Botschaft in Kopenhagen eine
Allianz mit Raed Hlayhel, Ahmed Abu Laban und den übrigen Imamen ein,
die den Protest in Dänemark lenken. Die Botschaft hilft den Imamen,
Delegationsreisen unter anderem nach Ägypten, in den Libanon und nach
Syrien zu arrangieren, wo sie Zugang zu einflussreichen Politikern,
Religionsführern und tonangebenden Medien erhalten.

Im Gepäck haben die Imame einen Stapel mit Exemplaren einer Mappe, die
ihre Kränkung dokumentieren soll. Aber sie begnügen sich nicht damit,
die Zeichnungen aus Jyllands-Posten zu zeigen. Sie zeigen ebenso eine
Reihe grober Bilder, die dänischen Muslimen angeblich anonym zugesandt
worden seien: der Prophet als pädophiler Teufel mit einem Horn auf der
Stirn. Der Prophet mit Schweineohren. Und der Prophet beim Sex mit
einem Hund.

Viele Medien im Nahen Osten unterscheiden nicht zwischen den beiden
Kategorien von Bildern. Sie schreiben bloss, dänische Medien hätten
Mohammed als Schwein dargestellt. (Bei der angeblichen
«Schweine-Karikatur» handelt es sich tatsächlich um ein Foto vom
alljährlichen Schweine-Grunz-Festival, veranstaltet von fröhlichen
südfranzösischen Bauern, was nichts mit dem Islam oder Islamkritik zu
tun hat.) Im Zusammenhang mit den Delegationsreisen aus Dänemark
taucht eine Reihe Fehlinformationen auf – zum Beispiel, dass es um 120
Zeichnungen gehe und dass die dänische Regierung dahinterstecke.
Unabhängig davon, wer die Verantwortung für diese Kampagnen trägt, ist
nicht zu übersehen, dass die Reisen der Imame das Ziel haben, ein
Feuer im Nahen Osten zu entfachen.

Massgebend beteiligt beim Schüren dieses Feuers ist der ägyptische
Aussenminister Gheid. Er sorgt dafür, dass die umstrittene Mappe im
Dezember beim Gipfeltreffen der OIC in Mekka verteilt wird. Dort
werden die Zeichnungen indirekt in einer Resolution verurteilt; die
Staats- und Regierungschefs diskutieren auf den Fluren angeregt über
die Angelegenheit. Die dänische Regierung ist sich darüber im Klaren,
dass sie einer Allianz mächtiger Gegner gegenübersteht – von den
Islamisten in der Muslimbruderschaft bis zu den säkularen, aber
totalitären Regimen im Nahen Osten. Auch in Dänemark geraten sowohl
die Regierung als auch Jyllands-Posten unter wachsenden Druck.

In den ersten Wochen nach der Publikation waren sich Politiker und
Meinungsführer im Grossen und Ganzen darin einig, die muslimischen
Forderungen zurückzuweisen, dass sich Jyllands-Posten entschuldigen
und die Regierung eingreifen solle, um die Zeitung zurechtzuweisen.
Eine Meinungsumfrage im November hatte gezeigt: 57 Prozent der Dänen
meinten, es sei «richtig» gewesen, die Zeichnungen zu bringen, 31
Prozent hielten das für «falsch».

Ägypten lässt nach


Aber nach und nach wurde die Kritik an Jyllands-Posten schärfer und
unversöhnlicher. Die Zeitung wurde unter anderem beschuldigt, es sei
ihr nur darum gegangen, Muslime zu verhöhnen, und dass die
Veröffentlichung der Zeichnungen eine rassistische Handlung darstelle.
Eine Reihe Linksintellektueller hatte anfangs das Recht der Zeitung
verteidigt, die Zeichnungen zu drucken. Doch die Unterstützung schwand
schnell, als man entdeckte, dass die Sache für innenpolitische
Angriffe auf den bürgerlichen Ministerpräsidenten Rasmussen
ausgeschlachtet werden konnte: Er beharrte auf seinem Standpunkt,
Respekt vor Religion dürfe nicht dazu führen, «den Möglichkeiten der
Presse zu Kritik, Humor und Satire Fesseln anzulegen».

Anfang Januar sieht es jedoch nach einem Ende der Krise aus. Unter
anderem kommen versöhnliche Signale von der ägyptischen Regierung, die
nach der Wahl nicht mehr das gleiche Bedürfnis hat, sich zu
profilieren. Aber dies sollte sich bloss als Ruhe vor dem Sturm
erweisen. Andere Akteure haben ein starkes Interesse, einen grösseren
Protest gegen die Zeichnungen hervorzurufen.

Die staatlich kontrollierten Imame in Saudi-Arabien sind die Ersten.
In der heiligen Stadt Mekka feiert man am 10. Januar das Opferfest Eid
al-Adha, das den Abschluss der jährlichen Pilgerzüge markiert. Imam
Abdul Rahman hat für seine Predigt das grösste muslimische Publikum
der Welt: Zwei Millionen hören ihm in Mekka zu. Weitere hundert
Millionen können die Predigt in Live-Übertragungen auf arabischen
Satellitensendern verfolgen. Sie hören Abdul Rahman Alsidis Rede über
Angriffe der Medien auf den Islam und den Propheten. Ohne Dänemark und
Jyllands-Posten beim Namen zu nennen, fordert er die Muslime auf, sich
dem zu widersetzen, was er «zielgerichtete Kampagne gegen den
Propheten Mohammed» nennt.

Einsames Dänemark


Beobachter haben mehrere Erklärungen für die saudischen Motive: Die
alleinherrschende Königsfamilie sieht sich ständiger Kritik von
Fundamentalisten wegen Korruption sowie dekadenter und unislamischer
Lebensweise ausgesetzt. Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden ist ihr
extremistischster Kritiker. Deshalb kann das Regime eine «harmlose»
Geschichte wie die der dänischen Mohammed-Zeichnungen gebrauchen, um
sich als wahrer Verteidiger des Propheten zu profilieren – und um
gleichzeitig davon abzulenken, dass sich die Sicherheitsvorkehrungen
während der Pilgerzüge einmal mehr als unzureichend erwiesen hatten.
362 Pilger haben wenige Tage zuvor bei einem Unfall ihr Leben
verloren.

In den nächsten Tagen lässt Saudi-Arabien den Protest eskalieren – in
den Medien des Landes, in den Moscheen, wo die Karikaturen zu einem
festen Thema während der Freitagsgebete werden, und in den
Supermärkten, wo es einen breiten Zulauf für einen umfassenden Boykott
dänischer Waren gibt.

Gleichzeitig betritt ein 79-jähriger Prediger aus Katar die Bühne: Der
in Ägypten geborene Yussef al-Qaradawi ist einer der einflussreichsten
religiösen Führer der islamischen Welt. Als Jugendlicher war er im
Kampf der Muslimbruderschaft gegen das damalige Königtum in Ägypten
aktiv, und er sass mehrfach im Gefängnis, bevor er nach Katar
flüchtete. Heute wird er von vielen als inoffizielles geistliches
Oberhaupt angesehen. Von seiner Zentrale in Katar aus hat er sich eine
Reihe wichtiger Kontakte aufgebaut, um auf Muslime sowohl in den
islamischen Ländern als auch in Europa Einfluss auszuüben: Er hat sein
eigenes Programm auf Al-Dschasira und seinen eigenen Nachrichtenkanal
im Internet, Islamonline. Und er hat zwei Organisationen gegründet,
die er selbst anführt: den Europäischen Rat für Fatwa und Forschung
und die internationale Union muslimischer Gelehrter.

Über letztgenannte Organisation schreitet al-Qaradawi zum Kampf gegen
die Mohammed-Zeichnungen. In einer Erklärung vom Samstag, den 21.
Januar, droht er damit, die Muslime der Welt dazu aufzufordern,
Dänemark zu boykottieren – es sei denn, die Regierung greife «hart»
gegen die Kränkungen des Propheten in den Medien durch. Die Erklärung
ist als letzte Warnung gemeint: al-Qaradawi werde einen Sturm des
Zorns entfachen, wenn man den Forderungen nach Eingriffen gegenüber
den Medien nicht nachkomme.

Als sich die Aussenminister der EU am 30. Januar in Brüssel treffen,
ist die Unterstützung für Dänemark schwach. Mehrere Aussenminister
deuten an, Dänemark habe die Möglichkeiten, den Konflikt selbst zu
lösen, ungenutzt verstreichen lassen. Luxemburgs Aussenminister Jean
Asselborn sagt unumwunden, er sehe die Angelegenheit «eher als ein
dänisches denn als ein europäisches Problem» an. Österreichs
Aussenministerin Ursula Plassnik kritisiert die Mohammed-Karikaturen,
indem sie in einer Rede erklärt, «Äusserungen und Handlungen, die eine
Religion auf anstössige Weise herabsetzen, sollten klar verurteilt
werden». Eine Hand voll EU-Kommissare gehen in derselben Woche
eindeutig auf Abstand.

Freitag, der 3.


Auch die USA bilden keine gemeinsame Front mit Dänemark. Im Laufe
eines einzigen Tages verwenden drei verschiedene Sprecher des
amerikanischen Aussenministeriums Wörter wie «inakzeptabel»,
«verletzend» und «anstössig». Einer von ihnen, Kurtis Cooper, geht
sogar so weit, dass die Nachrichtenagentur Reuters titelt: «USA
unterstützen Muslime in europäischem Karikaturenstreit».

Dänemark steht ziemlich allein da – eine wesentliche Ursache für die
wachsende Empörung über die Zeichnungen, meint der Grossmufti von
Jerusalem, Ekrima Sabri, in einem Interview: «Dänemark ist ein
leichtes Opfer. Ein kleines Land, das keinerlei entscheidende
Bedeutung für die arabischen Länder hat. Deshalb macht sich niemand
etwas daraus, dass die Proteste weitergehen.»

In diesem Klima legt Yussef al-Qaradawi noch einmal nach und ruft die
Muslime in aller Welt nun ernsthaft zum Kampf auf: «Lasst uns Freitag,
den 3. Februar, zu einem Tag mit weltumspannenden muslimischen
Protesten gegen die anstössige Kampagne gegen Allah und seinen
Propheten Mohammed (Friede sei mit ihm) machen.» Al-Qaradawis
Nachrichtendienst Islamonline nennt jenen 3. Februar schon im Voraus
«Tag des Zorns».

Seine Aufforderung findet Gehör: Überall sind die Mohammed-Zeichnungen
Thema der Freitagsgebete – von europäischen Grossstädten wie London
und Lyon bis in muslimische Länder wie den Sudan, Pakistan und
Indonesien. In mindestens 13 Staaten folgen den Freitagsgebeten
Demonstrationen gegen die Zeichnungen des Propheten. Zugleich fordern
die Imame die gläubigen Muslime der Welt auf, ihren Zorn durch einen
Boykott der Länder auszudrücken, die die Zeichnungen druckten.

Es geht auch klar aus der Rhetorik hervor, besonders in den arabischen
Freitagsgebeten, dass viele den «Tag des Zorns» als eine Chance sehen,
die Umma zu formieren – die islamische religiöse Nation, die im
Prinzip alle Muslime umfasst, ungeachtet der Nationalität oder
islamischen Glaubensrichtung.

Yussef al-Qaradawi sagt es selbst in seinem Freitagsgebet im
heimischen Katar: «Die ganze Umma soll zornig sein und sich erheben,
um ihren Zorn auch zu zeigen...Zorn ist notwendig. Wir sind keine
Nation von Eseln. Wir sind eine Nation von Löwen.»

Brennende Botschaften


An Freitagsgebeten wird unumwunden zur Gewalt aufgerufen: So wendet
sich Scheich Badr Bin Nader al-Mashari, ein Imam aus Riad, in einer
Rede, die über islamische Internetseiten verbreitet wurde, an die
Muslime in aller Welt: «Brüder, dies ist ein Krieg gegen den Islam.
Greift zu euren Schwertern...Wo sind eure Waffen? Eure Feinde haben
auf dem Propheten herumgetrampelt. Erhebt euch!»

In der indonesischen Hauptstadt Jakarta greifen Demonstranten an
diesem Freitag erstmals eine dänische Botschaft an.

Die Lunte ist nun gezündet – und dänische Imame fachen das Feuer noch
einmal an: Bereits einige Tage vor dem «Tag des Zorns» erzählte Mahmud
Fouad al-Barazi dem Fernsehsender Al-Dschasira von angeblichen Plänen
extremistischer Dänen, den Koran auf dem Rathausplatz von Kopenhagen
verbrennen zu wollen. Moderatere Imame versuchten über arabische
Medien, die Geschichte aus der Welt zu schaffen, indem sie betonten,
es sei nur von Gerüchten die Rede.

Doch am Morgen des 4. Februar, dem Samstag nach dem «Tag des Zorns»,
taucht die Geschichte wieder auf, nun im von al-Qaradawi
kontrollierten Internetmedium Islamonline. Imam Raed Hlayhel aus
Århus, der die Initiative zum Protest ergriffen hatte und Vertreter
des unversöhnlichsten Kurses ist, behauptet, dass dänische Rassisten
am Nachmittag desselben Tages den Koran bei einer Demonstration in
Hillerød, einer Stadt nördlich von Kopenhagen, verbrennen wollten. «Es
wird der Teufel los sein, wenn diese Extremisten den Koran
verbrennen», sagt Raed Hlayhel.

An jenem Samstag endet eine Demonstration in der syrischen Hauptstadt
Damaskus damit, dass die Botschaften Dänemarks und Norwegens
angegriffen und in Brand gesetzt werden. Augenzeugen berichten, dass
es SMS über die geplante Verbrennung des Korans in Dänemark waren, die
eine bis dahin relativ friedliche Demonstration ausser Kontrolle
gebracht hatten. Am Tag danach – am Sonntag, den 5. Februar – verüben
Demonstranten Brandanschläge auf Dänemarks Botschafterbüro in Beirut,
Libanon. Am Montag wird die dänische Botschaft in der iranischen
Hauptstadt Teheran mit Brandbomben angegriffen. Von dem Zeitpunkt an
breiteten sich die Proteste über die ganze Welt aus.

Es gibt nur entweder – oder


Im Laufe des März und April hören die Demonstrationen auf, und die
Diplomaten kehren auf ihre Posten zurück. Der Boykott dänischer Waren
ebbt ab. Die Verhältnisse werden normaler. Nicht aber für die zwölf
Zeichner. Für sie ist der Alltag nicht zurückgekehrt. Sie leben weiter
unter Polizeischutz und sind gezwungen, eine Anonymität
aufrechtzuerhalten, die es einigen von ihnen schwer macht, ihrem Beruf
nachzugehen. Die dänische Polizei ermittelt wegen mehr als 150
Todesdrohungen gegen sie. Und die Drohungen von ausländischen
Extremisten scheinen sich ins Unendliche fortzusetzen: Al-Qaida-Führer
Osama Bin Laden verlangt Ende April eine Auslieferung der Zeichner,
damit er sie vor ein islamisches Gericht stellen könne. Und in der
internationalen Presse heisst es, Mordkommandos seien aus Afghanistan
oder Pakistan auf dem Weg, um dem Leben der Karikaturisten ein Ende zu
setzen.

Die zwölf Zeichner sind die Hauptverlierer in dem Wertekampf, der den
Kern des Karikaturenstreits darstellt. Es ist ein Kampf mit starken
Kräften auf beiden Seiten der Front: liberaler, westlicher
Säkularismus auf der einen Seite und dogmatischer Islamismus auf der
anderen.

Der Konflikt hat gezeigt: Es kann keinen Kompromiss geben zwischen der
Forderung der Islamisten, man dürfe dem Propheten nie zu nahe treten,
und der westlichen Tradition, religiöse Dogmen seien nicht über alle
Kritik erhaben. Es gibt nur entweder – oder.

Der Karikaturenstreit ist in seinem Innersten ein politischer Kampf.
Und er hat vorerst mit einer Dreiviertelniederlage der Islamisten
geendet: Ihre Forderung nach einer vorbehaltlosen Entschuldigung und
neuen Regeln, die garantieren, dass islamische Symbole künftig keine
Kränkung mehr erfahren, bekamen sie nicht erfüllt.

Aber sie haben zugleich einen Viertelsieg errungen: Alle, die nicht
zum Selbstmord neigen, werden in Zukunft extravorsichtig auftreten,
wenn sie sich dem Thema Islam nähern.

Der Karikaturenstreit war allerdings nur die erste Runde. In den
nächsten Jahren wird es mehrere ähnliche Kämpfe über Werte geben. Sie
müssen sich nicht genauso gewaltig abspielen. Aber sie haben das
Potenzial, sich noch explosiver zu entwickeln.


Aus dem Dänischen von Frank Jung

John Hansen, Kim Hundevadt: Provoen og Profeten (Der Provokateur und
der Prophet). Das Buch ist Mitte Mai auf Dänisch erschienen. Eine
englische Übersetzung ist für den Herbst geplant.

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